(Churer Magazin)

 

Alphorn

 

Auf dem Alphorn und in der Natur spielt
sich Werner Erb den Kopf frei

 

Wenn es ein Musikinstrument gibt, das untrennbar mit der Schweiz verbunden ist, dann ist es das Alphorn. Alphornblasen kann jeder lernen. Denn: «Jeder hat einen Mund, das passende Mundstück gibtʼs bei mir», sagt Werner Erb, der seine Kenntnisse auch in Workshops weitergibt.   

 

Text und Bild: Peter de Jong

 

Wandert man an einem Sommerabend durch den Fürstenwald, so kann es vorkommen, dass man unweigerlich die Ohren spitzt und das erdige Brummen eines Alphorns vernimmt. Der Wanderer erblickt einen hageren Mann mit langen, fast weissen Haaren, der allein auf seinem 3,8 Meter langen Holzblasinstrument übt. Der Alphornist heisst Werner Erb. Mehrmals pro Woche, wann immer sein Beruf es ihm erlaubt, überrascht der Sozialpädagoge die Passanten mit seinem harmonischen Spiel. In der Natur könnten sich die Töne richtig entfalten, meint Erb, der das Alphorn zum Meditieren einsetzt, zum Abschalten und zum Relaxen: «Ich schliesse die Augen, spiele meine Lieder, und der Kopf wird frei.»

 

In Kanada entdeckt

Das Alphorn gehört zur Schweiz wie die Löcher im Käse. Über viele Generationen, lange bevor es die modernen Kommunikationsmittel gab, stiessen die Älpler hoch oben auf den Weiden ins Alphorn, um sich über weite Distanzen miteinander zu verständigen. Vor allem aber, so heisst es, hat man die Kühe am Abend herbeigerufen und sie mit dem Klang des Alphorns beruhigt. Die Sennen waren der Meinung, dass die Kühe mehr Milch geben, wenn sie die lieblichen Alphorntöne vernehmen. Auch Werner Erb hat im Sommer als Älpler gearbeitet, 19 Jahre lang auf vier verschiedenen Alpen rund um Savognin. Im Jahr 2000 kam der Basler nach Chur. Hier arbeitet er als Betreuer in der Überlebenshilfe. 

Das Alphorn hat Werner Erb aber nicht in der Schweiz, sondern in Kanada entdeckt: 1986 besuchte er auf einer seiner zahlreichen Reisen einen Schweizer in Williams Lake. «Der hatte ein Alphorn. Ich blies da einfach mal rein, und brachte sogar ein paar Töne zustande.» Der Gedanke, ein solches Instrument zu spielen, liess ihn nicht mehr los – «ein fanatischer Fall», wie er von sich sagt. Heute besitzt Erb sechs Alphörner, denen er wundersame Klänge entlockt, von traditionell bis avantgardistisch. «Ich spiele alles», meint er. Auf ein Exemplar in seiner Sammlung ist er besonders stolz: «Es wurde aus Fichtenholz gefertigt, im Winter bei Vollmond geschlagen und 60 Jahre gelagert.»

 

Die Technik machtʼs aus

Man könnte meinen, es sei leicht, das gebogene Rohr zu spielen. Doch der Eindruck täuscht: «Die Schwierigkeit liegt darin, den gewünschten Ton allein über die Spannung der Lippen zu treffen», erklärt Werner Erb, «lassen wir die Lippen langsam vibrieren, entsteht ein tiefer, schwingen unsere Lippen schnell, erzeugen wir einen hohen Ton.» 13 Naturtöne gibt es, sie zu beherrschen erfordert viel Übung. Vor allem die hohen Lagen seien schwierig zu treffen. Mit der richtigen Atemtechnik jedoch hat auch ein Anfänger recht schnell ein Erfolgserlebnis. Erb sagt, was zu tun ist: «Locker stehen, den Bauch anspannen und gleichmässig die Luft ausstossen.» Mehr braucht es nicht. Angeblich.

Zum persönlichen Vergnügen wird das Alphorn heute wieder mit viel Begeisterung geblasen. «Es boomt», stellt Werner Erb fest. Sein Alphornkurs – jeweils am Montag ab 18 Uhr im Stadtpark respektive bei schlechtem Wetter im Saal des Hotels Drei Könige – findet ebenfalls grossen Anklang. Eine Altersgrenze gibt es nicht, und Vorkenntnnisse braucht es nicht. Alphörner zum Üben stehen bereit. «Fast jedes Mal taucht ein neues Gesicht auf», sagt Erb, der auch die Alphorngruppe Arcas gegründet hat. Bis Ende Oktober treten die spielfreudigen Alphornisten jeden ersten und dritten Samstag im Monat mit ihren klanggewaltigen Instrumenten als touristische Attraktion in der Altstadt auf.

 

(Bild)

Beruhigend für Vieh und Mensch: Werner Erb dirigiert die Alphorngruppe Arcas, die ihr Können auf dem Arcas unter Beweis stellt.